Dienstag, 22. April 2014

[Wissenswert] Genres, Genres, Genres


Oh man, ich und meine große Klappe! Was hab ich mir da nur wieder angetan?
Na klar... Ich kenn mich so gut mit Genres aus, ich kann auch alle Buchgenres die es gibt aufzählen und dann wird wieder gemeckert, wenn ich eines vergessen sollte. Und spannend wäre es auch, 3 Seiten oder mehr voller Auflistungen, was es alles für Genres gibt. Neeee! Das müssen wir anders angehen. Kein Mensch, nicht einmal der große Sheldon Cooper könnte alle Buchgenres dieser Welt aufzählen, schließlich kommen täglich neue hinzu, die man gar nicht kennen kann! Laßt uns lieber die Geschichte der Genres erzählen. Dr. Cooper, wie würden Sie denn versuchen uns die Geschichte der Physik nahe zubringen?
Dr. Cooper? Sie sind gefragt!


"Im antiken Griechenland soll unsere Geschichte beginnen! Es ist ein warmer Sommerabend, ca. 600 vor Christus. Du bist zum Einkaufen auf dem Markt, oder der 'Agora' und du siehst hinauf zum nächtlichen Himmel und da: Einige der Sterne scheinen sich zu bewegen und deswegen nennst du sie 'Planeten' oder Wanderer! Das ist der Beginn einer 2.600 Jahre währenden Reise ..."
(The Big Bang Theory/Staffel 3, Episode 10 (Das Gorilla Experiment))


Gut, unsere Reise beginnt nicht im antiken Griechenland, auch wenn sie dort sehr bald Station machen wird, sie währt auch noch viel länger als 2.600 Jahre, nämlich von der Menschwerdung an sich bis zum heutigen Tage und sie ist hoffentlich noch lange nicht abgeschlossen, aber ich kann ein paar Dinge von Dr. Coopers fulminanter Einleitung übernehmen:


Ägyptische Hieroglyphe
Irgendwo in Afrika – schließlich behauptet die moderne Wissenschaft, dort sei die Wiege der Menschheit und ich will ihr hier mal nicht widersprechen, das kommt später im 2. Teil des Artikels – soll unsere Geschichte beginnen. Es ist ein warmer Sommerabend, die ersten Menschen haben gerade neben dem Feuer auch eine komplexere Sprache entwickelt. Sie ist noch nicht sehr ausgeprägt und trotzdem erzählen sie sich an abendlichen Lagerfeuern Geschichten. Den Begriff Genre gibt es ebensowenig wie die Franzosen, die diesen Begriff hervorgebracht haben, aber trotzdem dürften sich diese frühen Geschichten schon in mehrere Klassen unterteilt haben. Zum einen sind es nützliche Geschichten: Wie jage und erlege ich etwas, wo finde ich gute Nahrung, etc. Dann gab es sicherlich schon Geschichten, die versucht haben allem einen Sinn zu geben, vor allen Dinge, die sie sich nicht erklären konnten. Dies war sicherlich die Geburtstunde der Religion. Und schließlich dürrften sie sich schon die ersten Heldengeschichten erzählt haben. Der große Krieger Krong erzählt zum Beispiel wie er todesmutig das Mamut oder einen Haufen Feinde auf ein Mal erlegt hat. Oder nehmen wir Krang, der zu berichten weiß, wie tapfer Kring auf der Jagd war. So in etwa stelle ich mir zumindest die Szenerie vor, in der das Geschichtenerzählen geboren wurde. Und schon gab es so etwas wie Propaganda, die die Literatur durch sämtliche Zeitalter bis heute begleitet.
Orpheus
Langsam wurde die Sprache anspruchsvoller und damit auch die Erzählungen der Menschen. Die Schrift wurde erfunden, was eine noch ausgefeiltere Sprache ermöglichte. Die meisten schriftlichen Dokumente dieser Zeit sind natürlich wieder verloren gegangen, vor allen weil sie meistens in den Sand oder in einfache Tontafeln (oder ähnliches) gezeichnet wurden. Aber die großen Kaiser ihrer Zeit konnten sich mehr leisten. Zu ihren Ehren wurden (in Ägypten etwa) viele Geschichten ihrer Heldentaten in die Wände riesiger Palast- oder Grabanlagen oder auch auf den ein oder anderen Obelisken gemeißelt. Zudem gab es natülich auch noch Tempel, in denen mit der Geschichte der damligen Götter in ähnlicher Weise verfahren wurde. Propaganda oder Religion, viel hat sich seit dem Anbeginn des Geschichtenerzählens scheinbar nicht geändert. Und doch hat man damals schon Zeugnisse erster Lyrik gefunden, auch wenn diese immer noch in das oben genannte Schema passte.
Herakles (Hercules)
Doch dann kamen die von Dr. Cooper oben schon angesporchenen Griechen. Hier nun entwickelt sich auch – vor allen in Athen – ein großes und mächtiges Bürgertum, daß sich auch mit anderen Dingen als mit bloßer Arbeit beschäftigen kann. Eine Blütezeit der Kultur begann, die nicht nur große Mathematiker und Philosophen hervorbrachte, sondern auch andere Dinge wie das Theater. Hier nun wurden Stücke aufgeführt, die sich vor allen in zwei Klassen unterschieden: Die Tragödie und die Komödie. Zwei Genres, die aus anderen Gründen erzählt wurden, als vorher. Auch entstanden Grundlagen, wie zum Beispiel die aristohtelische Dramentheorie, an die sich bis heute Autoren und Geschichtenerzähler orientieren. Auch die Literatur selbst wuchs. So gab es ausgefeilte Heldenepi, wie etwa Homers Ilias oder die darauffolgende Odyssee. Auch Sagengeschichten über Götter und menschliche, wie zumindest teilweise menschliche Helden gab es viele. Sowohl in Griechenland, als auch wenig später in Rom, in dem große Teile der griechischen Kultur, wie zum Beispiel ihr gesamter Götterpantehon aufging. So machten zum Beispiel die Geschichten über den Halbgott Hercules (im griechischen eigentlich Herakles) die Runde, der sich mit seinen 12 Heldentaten Einlaß in den Olymp "erarbeiten" mußte. Mit Jason und den Argonauten (zu denen vielen "Superhelden" seiner Zeit auch Hercules angehörte), gab es sogar einen Vorgänger der "Avengers" oder der "Justice League" oder ähnlichen Multisuperheldencomics. Jason bricht mit ein paar der berühmtesten Helden seiner Zeit auf dem Schiff Argo auf, um das goldenen Flies zu beschaffen. Mit viel Klugheit und der Hilfe seiner großen Liebe Medea soll ihm dies auch gelingen.
Persephone (von Rosetti)
Frauen spielten in der doch eher patriarchischen Gesellschaft eher eine (wenn auch so manch gewichtige) Nebenrollen, wie die schöne Helena, die von Paris geraubt wurde. Oder die Nymphe Euridyke, für die Orpheus sogar in den Hades hinabsteigt, um seine große Liebe aus dem Totenreich zu befreien. Hauptrollen waren selten, aber auch sie gab es. Wie die heldenhafte Antigone, die im gleichnamigen Theaterstück ihrem Herzen folgt und trotz Verbotes und ungeachtet der Konsequenzen für die Beerdigung ihres Bruders sorgt. Wenn man sich die griechisch-/römische Literatur und Theaterstücke so anschaut, dann merkt man wie nah ihre Zutaten auch der heutigen Literatur sind. Moralisches Handeln, Heldentaten, Liebe Verrat, alles gab es schon damals. Egal ob im niedergeschriebenen Götter- oder Heldenepos oder in den Theaterstücken seiner Zeit. (Schaut euch nur einmal an, wie komplex die Sage um Persephone ist und erfahrt ganz nebenbei, wieso Granatapfelkerne so wichtig für die Entstehung der Jahreszeiten waren.) Ähnliches kann man auch von anderen Kulturkreisen behaupten. So ist auch die Bibel mit ähnlichen Geschichten durchzogen. Samson, der seine Stärke durch die Länge seines Haares bekam und sogar Löwen niederrang, dann aber der List der schönen Delila erlag. David gegen Goliath und viele weitere Geschichten wissen davon zu künden. Auch die Erotik spielt in der Bibel immer wieder eine wichtige Rolle, nicht nur im hohen Lied der Liebe.
Viele – mit Sicherheit auch großartige – Literatur seiner Zeit ging nicht nur im großen Brand der Bibliothek von Alexandria verloren, darum ist unser heutiges Bild der damaligen Literatur natürlich sehr lückenhaft, aber Genres schienen damals noch keine so große Rolle zu spielen, wie heutzutage. Dies sollte auch im Mittelalter nicht viel anders sein, auch wenn dort das ein oder andere (heute zum Teil wieder vergessene) Genre hinzukam. Hier war es vor allen die obersten 2 Schichten, die sich mit der Literatur auseinandersetzten. Kein Wunder hatte die zumeist bäuerliche Landbevölkerung doch ein karges und hartes Leben zu führen, zudem blieben ihnen eine vernünftige Schulbildung verwehrt, so daß sie weder Lesen noch schreiben konnten. Doch trotzdem waren Bücher etwas unheimlich wertvolles. Wie man an den wundervoll und teils mit Blattgold reich verzierten Klosterbüchern seiner Zeit erkennt. Überhaupt wurde das Abschreiben von Büchern in sogenannten Skriptorien zu einer hohen Kunstform erhoben, enthielten diese Bücher doch zumeist Glaubensschriften, die auf diese Art und Weise geehrt wurden. Im profanen, also weltlichen Bereich machten andere Bücher die Runde. Hier ging es um Helden und Rittertaten, wie zum Beispiel das Nieblungenlied, das als eines der ersten deutschen Schriftstück gilt und in der Gegend von Xanten spielt. Der fast unbesiegbare aber durchaus sehr naive Siegfried als Drachentöter und gradlinige Held. Hagen von Tronje, der einäugige verschwörerische Meuchler, der seinem Herrn trotzalledem in der später berühmt gewordenen Nibelungentreue ergeben ist und Krimhild, die eiskalte Rächerin eines großen Verbrechens sind hier wohl die am stärksten herausstechende Charaktere eines großen Epos, welches es in ähnlicher Form nocheinmal in der Sigurdsaga der Edda gibt. Wer aber nun von wem beeinflußt wurde ist heute nur noch schwer festzustellen.
Artus und die Ritter der Tafelrunde
Die beliebtesten Ritterromane seiner Zeit jedoch bauten auf der ursprünglich keltischen Artussage auf. Über die Ritter der Tafelrunde gibt es unzählige Erzählungen, die von den verschiedensten Autoren immer wieder in neuen Gewändern präsentiert wurden, machten in ganz Europa die Runde. Neben der ursprünglichen Arthussage ging es hierbei um Lancelot, den ersten Ritter und seiner verhängnisvollen Liebe zu Guinevere, der Frau seines Herrn. Die Liebesgeschichte zwischen Tristan und Isolde oder die Abenteuer in denen Parzival zum Ritter wird, während Gawan (Lancelots Sohn) in der von Wolfram von Eschenbach bearbeiteteten Version den Gral findet. Überhaupt waren Gralsfindungen quasi ein eigenes Subgenre der Ritterromane. Während die Ritterromane zum Beispiel auch der Arthus-Sage, mit ihrer Tafelrunde – an der jeder Ritter gleich war – und ihrem weisen König Arthus, der sich immer um die Belange seines Volkes kümmerte, vor allen dem Ritterstand als moralischen Kompaß dienen sollte, damit sie nicht allzu raubritterhaft über die Lande zogen und branschatzten, sondern sich lieber um ihre Untergebenen kümmerten, ging es in der Gralssuche eher um die Suche nach sich selbst, quasi darum, wie man zur Erleuchtung gelangen konnte.
Für das einfache Volk gab es noch die Bänkelsänger, die umherzogen, teils sehr zotige Lieder verbreiteten, aber auch Nachrichten verbreiteten und zum Beispiel die Fürsten und Grafen anderer Königreiche oder Fürstentümer kritisierten. Den Fürsten, auf dessen Grund man sich befand, konnte man natürlich schlecht kritisieren, ein solches Vergehen hätte durchaus mit dem Tode bestraft werden können.


Minne
Und dann gab es da noch die Minne. Eine höfische Art die Frauen zu preisen und zu umschmeicheln. Frauendienst, wie man es früher nannte. Der Kirche paßte dies unzüchtige Verhalten freilich wenig, so daß die Minnesänger behaupteten in der Minne und der Verehrung der Weiblichkeit vor allen die Gottesmutter Maria zu preisen. Und tatsächlich waren die meisten Minnetexte relativ züchtig. Ausnahmen bestätigen die Regel, wie die sehr frech erotischen Texte von Walter von der Vogelweide (der überhaupt zu einem der wichtigsten Lyriker seiner Zeit gehört) oder seines Nachfolgers Ulrich von Lichtenstein. Doch auch er hat sich noch höfisch zurückgehalten. Anders als in der Carmina Burana – nein nicht die von Orf, er hat sich nur bei einigen ihrer Texte bedient und sie vertont – eine Liedgutsammlung aus dem dreizehnten Jahrhundert, in der Lieder der Spielleute und Vaganten zusammengetragen wurden.
Ich mag jetzt schon einige Genres – vielleicht sogar wichtige Strömungen – vergessen haben, trotzalledem finden sich in all den Geschichten schon so ziemlich jedes Thema, welches sich auch in zeitgenössischer Literatur wiederspiegelt.
Die große Explosion der verschiedenen Genres sollte allerdings noch auf sich warten lassen, auch wenn sie kurz bevorstand. Doch davon will ich euch erst im zweiten Teil erzählen!

Gruß
Bernd B. Badura 

Bilder: Wikipedia

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