Donnerstag, 10. April 2014

[Meinung] Bloggeschichten vs Bücher

Dieser Beitrag ist von Sebastian

Blogwurm und Bücherer

Wie kommt man überhaupt dazu, einen Blog mit einem Buch zu vergleichen?

Der Blog ist ein rein elektronisches Lebewesen, interaktiv mit weiterführenden Links und Kommentaren, die dem Blogger direkte Reaktionen auf sein Geschreibsel liefern. Ein Blog-Post ist "mal eben schnell" zwischendurch geschrieben, selbst gut recherchiert braucht er maximal ein paar Stunden. Wenn man sich überhaupt die Mühe macht, lassen sich Tippfehler jederzeit korrigieren und im Zweifelsfall auch der ganze Post löschen. Der Post wird kurz nebenbei zwischen Twitter und Facebook gelesen und ist dann meist schnell vergessen.

Ein Buch ist dagegen ganz anders: Es braucht manchmal Jahre, bis auch nur der Inhalt fertig geschrieben ist, dann verbringt der Autor (hoffentlich) noch viele Stunden, Tage oder Wochen mit der Überarbeitung, konsultiert Betaleser und Lektoren. Wenn er zufrieden ist, wird das Buch gedruckt, auf echtem Papier, ganz ohne Batterie und Touchscreen. Anstatt durch dünne Leitungen und mit Lichtgeschwindigkeit bewegt es sich langsam in einem Paket. Einmal angekommen, fesselt es seinen Leser, begleitet ihn einige Zeit in jeder freien Minute, wird überall mit hingenommen. Am Ende hat der Leser eine Meinung, die er jedoch häufig für sich behält - ein Kommentarfeld ist im Buch nicht vorgesehen.



Wie können der elektronische Textquicky und der Dinosaurier der Textunterhaltung mit einander in Konkurrenz treten?

Beide haben doch mehr gemeinsam, als man auf den ersten Blick denkt - und damit sind keine Ebooks gemeint. Immer mehr Autoren legen sich einen Autorenblog zu und nutzen diesen unter anderem, um die Reaktion ihres Publikums zu testen, lange bevor das Buch das Licht der Druckerei erblickt.

Justine Gacy veröffentlichte fast ihr komplettes Erstlingswerk zunächst in der Rohfassung als Blog-Posts. Jeder Post bestand aus ein paar Buchseiten und ermöglichte den Lesern, die nächste Fortsetzung genau wie andere Blog-Posts mal eben zwischendurch zu lesen - und zu kommentieren. Die Kommentare flossen in ihre Überarbeitung ein und so weicht das gedruckte Buch in einigen Stellen erheblich von der Blogfassung ab.

Jennifer Jäger ging einen Schritt weiter und ließ ihre Leser nicht nur an den Entwicklungsschritten ihres "Projekt Clara" teilnehmen, sondern beschrieb auch ihre Vorgehensweisen und Gefühle: Wie kam sie auf die Idee, warum ging es nach den ersten zwei Kapiteln nicht weiter? Sie begrub Clara, nur um sie später wiederzubeleben. Wenn dieses Buch eines Tages in den Handel kommen sollte, werden die Leser sich damit verbunden fühlen, noch bevor sie es in den Händen halten - weil sie den Entstehungsprozess von Anfang an miterlebt haben.

Ich selbst bin einen anderen Weg gegangen: In meinen Blog-Posts zu meiner Tochter Bea habe ich mir regelmäßig "den Kummer von der Seele geschrieben". Erst als die Geschichte ihren vorläufigen Höhepunkt hinter sich gelassen hatte, kamen einige Leser auf mich zu und fragten, ob ich daraus nicht ein Buch machen wollte. Die Blog-Posts lieferten das Rohmaterial, aber trotzdem hat es noch ein knappes Jahr gedauert, bis aus den ersten für das Buch geschriebenen Zeilen tatsächlich ein Druckerzeugnis wurde.

Blogs sind allerdings nicht uneingeschränkt nützlich für Bücher. In unserer modernen Zeit geht alles immer schneller und uns bleibt immer weniger Freizeit. Häufig geht damit die Entscheidung einher, ob die gerade anstehende freie halbe Stunde auf Facebook, mit einem Smartphone-Spiel oder einem Buch verbracht wird. In diesem Moment streiten sich gedruckter und elektronischer Text um den gleichen Leser.

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